Auktion: 520 / Evening Sale am 18.06.2021 in München Lot 309

 
309
Willi Baumeister
Formen farbig (Fliegende Formen), 1937.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 70.000
Ergebnis:
€ 137.500

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Formen farbig (Fliegende Formen). 1937.
Öl auf Leinwand.
Beye/Baumeister 762. Auf dem Keilrahmen signiert und datiert sowie mit einem Etikett, dort nochmals signiert und mit der Werknummer "WB Nr. 610" sowie ein weiteres Etikett mit rotem Fingerabdruck. 65 x 46 cm (25,5 x 18,1 in).
Im Tagebuch des Künstlers befindet sich eine Skizze des Gemäldes (S.114) mit dem entwicklungsgeschichtlich aufschlussreichen Vermerk: "Vorgänger der >fliegenden Formen< Juni 1938" (vgl. Beye/Baumeister 764ff.).
• Eine der ersten rein abstrakten Kompositionen Willi Baumeisters aus der kleinen, frühen Werkgruppe der "Ideogramme und Zeichen" (1937-1941).
• Von größter Seltenheit. Bisher wurden erst zwei weitere Kompositionen aus dieser Werkgruppe auf dem internationalen Auktionsmarkt angeboten.
• Eine der wenigen mehrfarbigen Kompositionen der überwiegend in Schwarz-Weiß ausgeführten Werkgruppe.
• Die schwebenden biomorphen Strukturen zeigen deutliche Parallelen zu zeitgenössischen Schöpfungen Hans Arps und Alexander Calders.
• Baumeisters Gemälde der "Ideogramme und Zeichen" gehört zu den zentralen abstrakten Positionen der 1930er Jahre
.

PROVENIENZ: Galleria d'Arte Stendhal, Mailand (auf dem Keilrahmen mit dem Stempel).
Galleria Gissi, Turin (auf dem Keilrahmen mit dem Stempel).
Klipstein & Kornfeld, Bern (1962).
Galerie Valentien, Stuttgart (1987).
Privatbesitz Reutlingen (1987 vom Vorgenannten erworben-2013).
Galerie Schlichtenmaier, Stuttgart (2013).
Privatsammlung Süddeutschland (beim Vorgenannten erworben).

AUSSTELLUNG: Willi Baumeister - Ernst Wilhelm Nay, Kunsthalle Basel, 1960, (Nr. 1729, auf dem Keilrahmen mit dem Etikett).
Willi-Baumeister - Das unbekannte in der Kunst, Stiftung für konkrete Kunst, Reutlingen 1988/89 (mit Farbabb. o.S.).

LITERATUR: Klipstein & Kornfeld, Auktion 108, Bern, 25. und 26.5.1962, S. 12, Kat.-Nr. 51, (mit S/W-Abb. Tafel 98).
Kunst des 20. Jahrhunderts, Lagerkatalog 1986/87, Galerie Valentien, Stuttgart 1987, S. 30 (mit Abb.).

Essay
Wunderbar leicht sind die Kompositionen der kleinen Werkgruppe der "Ideogramme und Zeichen". In perfekter, schwebender Balance präsentieren sich die klar konturierten Formen zueinander austariert in spannungsvoller Distanz vor monochromem hellgrauen Grund. Nichts stört unseren Blick, mit dem wir dem sanften Schwingen der Kontur folgen. All das ruft zwangsläufig Parallelen zu den berühmten Mobiles Alexander Calders wach, mit denen der amerikanische Künstler ebenfalls um die Mitte der 1930er Jahre zu experimentieren beginnt. "Formen farbig (Fliegende Formen)" gehört zu Baumeisters ersten konsequent abstrakten Schöpfungen, die sich nicht nur formal, sondern auch durch ihren Titel jeglicher figürlicher Assoziation verweigern. Baumeister hat eine starke Affinität zum Zeichen, das er in den 1940er Jahren einmal als "Urform des Bildhaften" bezeichnet, als "die erste und vielleicht reinste Position des Optisch-Visuellen" (zit. nach: Beye/Baumeister, Bd. I, S. 14). Neben Calder erinnern die sanft schwebenden Gebilde auf Baumeisters eindrucksvoller Komposition mit ihrer reduzierten biomorphen Formsprache auch an die zeitgenössischen Schöpfungen des deutsch-französischen Bildhauers Hans Arp. Die fast gleichaltrigen Künstler Arp und Baumeister kamen bereits früh über den Dadaisten Kurt Schwitters in Kontakt. Vermutlich begann ihre Freundschaft und ihr künstlerischer Austausch bereits in den 1920er Jahren in Paris. Für 1930 schließlich ist ein Zusammentreffen beider Künstler in der französischen Hauptstadt belegt und 1938, also im Jahr nach der Entstehung der vorliegenden Komposition, besichtigt Arp die von Baumeister 1937/38 in der Kunsthalle Basel zum Schutz vor den Nationalsozialisten deponierten Kunstwerke. Für die Nachkriegszeit sind gegenseitige Atelierbesuche und der Austausch von Kunstwerken und künstlerischen Positionen dokumentiert. Baumeister und Arp sind zudem Mitglieder der avantgardistischen Pariser Künstlergruppe "Abstraction Création", der 1931 auch der amerikanische Künstler Alexander Calder beitritt. Die wunderschöne minimalistische Komposition "Formen farbig (Fliegende Formen)" ist also nicht nur eine herausragend starke Komposition und laut Vermerk des Künstlers das seine schwarz-weiße Folge der "Fliegenden Formen" initiierende Werk, sondern auch ein eindrucksvolles künstlerisches Dokument von Baumeisters internationalem künstlerischen Austausch in den 1930er Jahren. Baumeister, der ab 1946 als Professor an der Stuttgarter Kunstakademie lehrt, zählt heute zu den wichtigsten deutschen Avantgarde-Künstlern seiner Zeit und zu den wegweisenden Vertretern der abstrakten Malerei in Deutschland. Baumeisters Kompositionen waren bereits mehrfach auf Ausstellungen im Museum of Modern Art vertreten und waren dort bereits 1957 in der legendären Überblickschau "German Art of the 20th Century" unter anderem neben Kompositionen Kandinskys zu sehen. Zuletzt hat 2014 das MKM Museum Küppersmühle, Duisburg, in der Ausstellung "Willi Baumeister International" Baumeisters Werdegang vom Stuttgarter Kunststudenten zum international gefeierten Nachkriegskünstler in einer umfassenden Ausstellung nachgezeichnet. [JS]
309
Willi Baumeister
Formen farbig (Fliegende Formen), 1937.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 70.000
Ergebnis:
€ 137.500

(inkl. 25% Käuferaufgeld)